01.09.2021

Smarter Übergang

Nach 16 Jahren erfolgreicher Baupraxis im Generalplanungsunternehmen plant Hans-Joachim Meusel den schrittweisen Ausstieg. In einer langfristig angelegten Übergabe übernimmt Matthias Schmitz-Brauer die Position als Leiter des Baumanagements und der Kalkulation.

Herr Meusel, was hat Sie angetrieben, ins Baumanagement zu gehen?

HJM: Ich bin im Grunde auf der Baustelle groß geworden (schmunzelt). Mein Vater war Maurerpolier beim Bauunternehmen Oevermann in Münster und ich habe früh dort mitgeholfen. Das Maurerhandwerk habe ich von der Pike auf gelernt. Im Architekturstudium ging es dann jeden Freitag und jeden Samstag auf die Baustelle, die Semesterferien Vollzeit. Ich musste mir das Studium schließlich verdienen. Mit dem Diplom in der Tasche habe ich dann als Bauleiter bei Oevermann angefangen. 89 kam die Wende und damit kamen erste Projekte in Ostdeutschland. Für den Aufbau und die Leitung der Niederlassungen in Berlin und Potsdam war ich zuständig – 8 Jahre lang war ich montags bis donnerstags unterwegs und habe die Familie nur am Wochenende gesehen. Die Zeiten waren schwierig, doch die Herausforderungen wurden gemeinsam gut bewältigt. 
 

Wie sind Sie zu agn gekommen?

HJM: Nach 27 Jahren in der Firma war ich auf der Suche nach neuen Horizonten. Ich brauchte Veränderung, neue Herausforderungen. Da kam mir 2005 das Arbeitsangebot meines ehemaligen Studienkollegen Bernhard Busch gerade recht. Durch ein gemeinsames Bauvorhaben, das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Münster, standen wir in regelmäßigem Austausch. agn, damals ein Planungsbüro mit rund 120 Mitarbeitern, war für die Technische Gesamtplanung samt Gebäudeautomation verantwortlich. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen deutlich. Ich übernahm die Oberbauleitung und betreute große Projekte wie das Gebäude X der Universität Bielefeld, das Land- und Amtsgericht in Düsseldorf, das Stuttgarter Stadtarchiv in Bad Cannstatt mit der technischen Besonderheit des Eisspeichers und das Stadion für den TSG Hoffenheim in Sinsheim mit rund 30.500 Zuschauerplätzen – ein Bauvorhaben, das wir sehr umfassend als Generalplaner begleitet haben.

Ihre Nachfolge haben Sie frühzeitig geklärt. Wie sind Sie das angegangen und warum? 

HJM: 2019, ein Jahr vor dem klassischen Renteneintritt, habe ich das Gespräch mit der agn-Geschäftsführung gesucht, weil ich einen guten Abschluss finden und keine losen Enden hinterlassen wollte. Ein geeigneter Nachfolger für die Leitung der Abteilung Baumanagement und Kalkulation wurde gesucht und gefunden: Ende 2019 kam Matthias Schmitz-Brauer ins Unternehmen und wir haben das folgende Jahr zur Einarbeitung genutzt. Am Jahresende habe ich mein Büro geräumt und bin eine Etage tiefer gezogen. Als Ansprechpartner für einige größere laufende Generalplanungsprojekte stehe ich den Bauherren mit Rat und Tat zur Seite und helfe dort, wo es nötig ist. Mein Plan ist aufgegangen, und das ist nicht nur der Geschäftsführung zu verdanken, die mit mir diesen Weg gegangen ist, sondern auch Matthias Schmitz-Brauer, der viel Sachverstand und Erfahrung mitbringt, gut zuhört und die nötigen Entscheidungen fällt.

Wie sehen Sie das, Herr Schmitz-Brauer – waren Sie ausreichend auf die Herausforderungen der Großprojekte vorbereitet? 

MSB: Mein größtes Großprojekt bislang war ein Klinikneubau als Projektleiter mit einem Bauvolumen von 400 Millionen Euro. Das war sicher eine gute Vorbereitung auf meine Verantwortlichkeiten als Oberbauleiter bei agn. Ich bin hier voll in meinem Kompetenzbereich tätig und weiß zu schätzen, dass Hans-Joachim Meusel mich wirklich umfassend eingearbeitet hat und mir nach wie vor aktiv zur Seite steht. Die wirklichen Herausforderungen finden sich ja oft auch an 
unerwarteter Stelle.

Wie meinen Sie das?

MSB: Fragen Sie mich mal nach meiner persönlich größten Herausforderung! Das war meine Tätigkeit als Student bei einer Sanierung der Dachabdichtung für ein Industrieunternehmen – jeden Tag 10 Stunden bei 35 Grad im Schatten! Am ersten Tag war ich so geschafft, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich am nächsten Tag zur Arbeit kommen sollte. Aber ich habe durchgehalten und die Aufgabe war nach zwei Monaten fertig. Diese Erfahrung war für mich grundlegend, denn sie hat mich Respekt vor Menschen – seien es Dachdecker, Trockenbauer oder Maurer – gelehrt, die das jeden Tag machen und ohne die Bauen undenkbar wäre.

Haben diese frühen Praxiserfahrungen Sie bestärkt, ins Baumanagement zu gehen?

MSB: Na klar! Schon in meiner Schulzeit habe ich auf dem Bau gejobbt, während meines Studiums dann auch im Konstruktionsbüro. Schon damals hat mich das Thema Bauen gepackt und nicht mehr losgelassen. In meinen ersten Berufsjahren habe ich Hochbauprojekte und Ingenieurbauwerke geplant, wollte dann aber wieder zum Baumanagement, weil ich es spannend finde, ein Bauwerk termin- und kostengerecht in der vertraglich vereinbarten Qualität fertigzustellen. 
 

Haben Sie es je bereut, diesen Beruf auszuüben?

MSB: Nein. Es ist, zugegeben, ein sehr fordernder Beruf, aber auch einer der vielseitigsten und spannendsten auf der Welt! Was gibt es Faszinierenderes, als ein Großbauprojekt zu managen, als technische, kaufmännische sowie baujuristische Probleme konstruktiv im Team zu lösen und schlussendlich ein Bauprojekt fertigzustellen? Dass sich unsere Produkte am Ende anschauen und anfassen lassen, dass sie von Menschen genutzt und gebraucht werden, ist ein sehr gutes Gefühl. 

Nach vorn geblickt: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Phase für einen jungen Baumanager?

MSB: Die erste Praxisphase, also die ersten 3–5 Jahre auf der Baustelle, ist eine Art zweite Ausbildung! Als Baumanager muss man vor allem Praxis lernen, von Spezialtiefbau und Trockenbau über Rohbau und Dachabdichtungsarbeiten bis hin zur Technischen Gebäudeausrüstung. Allein die zahlreichen DIN-Normen und anerkannten Regeln der Technik sind herausfordernd – gleichzeitig muss man aber auch lernen, eine Baustelle mit unterschiedlichsten Projektbeteiligten verantwortlich zu steuern. Soll heißen: Man muss morgens um 7.00 Uhr in der Baubesprechung zehn Poliere und Projektleiter genauso ansprechen können wie um 11.00 Uhr im Termin die Geschäftsführer des Bauherrn. Die Entwicklung dieser kommunikativen Kompetenz ist genauso wichtig wie das technische, kaufmännische und baujuristische Know-how. Das alles zu lernen dauert seine Zeit. Bei agn legen wir darauf großen Wert. Wir bilden die jungen Menschen aus und begleiten sie in der Praxisphase mit erfahrenen Baumanagern, die als Mentoren und Ausbilder fungieren. 

Sie haben 40 Mitarbeiter*innen. Wie definieren Sie Führung? 

MSB: Mir ist es wichtig, authentisch, offen und wertschätzend zu sein. Ich stecke klare Grenzen ab, fordere Engagement und stehe zu dem, was ich sage. Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern ist mir wichtig, dazu gehört auch das Zugeben eigener Fehler. Von grundlegender Bedeutung ist auch die Motivation des Teams: Alle müssen das Bauen verinnerlichen und leben.

Reden wir über Entwicklungen: Wie bewerten Sie den Stand von BIM derzeit?

MSB: BIM ist viel mehr als reiner Datenaustausch. BIM ist ein Prozess, der mit der Erstellung eines in sich konsistenten, intelligenten Gebäudemodells beginnt und Vorteile für die Planung, Simulation, Visualisierung von Bauprojekten sowie für Verwaltung und Wartung bringt. Erfolge in unseren ersten BIM-Projekten, die sich in der Projektrealisierung befinden, belegen die Vorteile. Klar ist die Weiterentwicklung ein großer Schritt – auch für uns –, aber wir investieren weiter, bringen Ideen ein, entwickeln und optimieren. Heute können wir bei agn „auf Knopfdruck“ ein Rohbau-LV VOB-konform aus dem BIM-Modell generieren.

Ist das Thema Lean Construction schon Tagesgeschäft? 

MSB: Lean Construction hat das Potenzial, das gesamte Bauwesen in Sachen Prozessoptimierung zu revolutionieren. Vereinfacht ausgedrückt: Statt eines Fließbands – wie in der Industrie – gibt es bei Bauprojekten den Gewerkezug. Die Lean-Experten teilen ein Gebäude in Bereiche mit gleichem Arbeitsaufwand ein. Exakt hintereinander aufgereiht, durchfahren die einzelnen Gewerkezüge, bestehend aus den einzelnen Gewerken, das Gebäude im Takt, bis es fertig ist – und das ohne Leerläufe oder Verzögerungen. Das Ergebnis ist ein ruhiger, gleichmäßiger und zügiger Bauablauf ohne Kapazitätsengpässe. Wir realisieren in Bochum und in Hamburg gerade unsere ersten beiden Bauprojekte mit Lean Construction. Zukunftsmusik ist hingegen noch, wie man BIM und Lean Construction als unterschiedliche Prozesse sinnvoll miteinander verknüpfen kann.

Was meinen Sie, wird es Einflüsse auf das Bauen durch neue Werkstoffe in der Zukunft geben? 

MSB: Kaum etwas ist beim Bau so entscheidend wie die Verwendung der richtigen Baustoffe. Wenn wir vor 40 Jahren so viel über Beton gewusst hätten wie heute, dann müssten wir nicht alle Betonbauwerke dieser Zeit sanieren oder rückbauen. Die Weiterentwicklung klassischer Baustoffe sowie die Erforschung neuer Baumaterialien ist extrem wichtig. Neben neuen Membran- und Nanobaustoffen wird auch die additive Fertigung – z. B. der 3D-Druck von zementgebundenen Baukörpern – in der Zukunft an Bedeutung gewinnen. 

Welches Bauprojekt würden Sie am liebsten managen, wenn Sie sich eines aussuchen dürften? 

MSB: Wenn ich träumen dürfte: Als Fan des FC Liverpool würde ich gerne ein neues Stadion in der Anfield Road für die Reds bauen (mit künftig 61.000 Zuschauerplätzen), das mindestens genau so viel Atmosphäre erzeugt wie das jetzige. Das wäre für mich die berufliche Vollendung! 

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