24.07.2017

Recyclinggerechtes Bauen als Planungsleistung

Mehr als die Hälfte des Abfallaufkommens in Deutschland wird durch den Bausektor verursacht. Um dies zu ändern, ist ein Paradigmenwechsel in der Planung notwendig. Ziel ist ein Bauen, das die „Nutzung nach der Nutzung“ vorausschauend miteinbezieht – sowohl architektonisch als auch materialtechnisch. In der Realität ist man davon allerdings noch weit entfernt.

Die in Deutschland anfallenden Bauabfallmengen sind enorm. Für das Jahr 2014 gibt das Statistische Bundesamt das Aufkommen für Bau- und Abbruchabfälle mit über 200 Millionen Tonnen an. Statistisch betrachtet werden 90 Prozent dieser Abfälle zwar wieder verwertet, jedoch handelt es sich dabei meistens um ein so genanntes „Downcycling“ zu minderwertigeren Sekundärrohstoffen, die unter anderem im Straßenbau eingesetzt werden. Eine echte zirkuläre Wertschöpfung, die Bauen und Rückbauen als einen geschlossenen Kreislauf begreift, findet nicht statt.

Mehr als die Hälfte des Abfallaufkommens wird durch den Bausektor verursacht

Anja Rosen
Sachverständige für Nachhaltiges Bauen (SHB) und DGNB-Auditorin

Damit Abfälle in hoher Qualität verwertet werden können, müssen sie getrennt und sortiert werden. Das hört sich simpel an, scheitert in der Praxis jedoch daran, dass Gebäude nach heutigem Stand für einen Rückbau dieser Art nicht vorgesehen sind – ein hochwertiges Recycling somit mit sehr hohem Aufwand verbunden ist. Ein `Design for Urban Mining‘, das von vorneherein den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes inklusive Rückbau und Verwertung miteinbezieht, könnte dies ändern. Dafür müssten zwei Prämissen erfüllt sein: Zum einen müsste eine recyclingfreundliche Baustoffauswahl erfolgen. Zum anderen wäre in der Konstruktion der Aspekt der Demontage von vorneherein zu berücksichtigen.

Wiederverwertbarkeit von Materialien: am Beispiel von Dämmungen

Abfallaufkommen gesamt in Deutschland 2014 in Mio.
Allein im Jahr 2014 fielen mehr als 200 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an.

Zirkuläres Bauen beginnt in der Planung

Die Weichen hierfür werden in der Planungsphase gestellt. Bereits der Vorentwurf eines Bauwerks bestimmt die Möglichkeiten zur Auswahl der Materialien. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass diese nach dem Cradle to Cradle™ Prinzip entweder im biologischen oder im technischen Kreislauf geführt werden können. Natürliche Materialien werden dabei wieder zu Nährstoffen, technische werden hochwertig recycelt. Auf Produktebene funktioniert dies bereits ganz gut, auf Bauwerksebene sind jedoch Besonderheiten zu beachten. Soll beispielsweise für das Tragwerk Holz verwendet werden, muss der Architekt bei hohen Anforderungen an Brandschutz und Standsicherheit besonders klug planen.

 

„Das Gebäude entwickelt sich zum Wertstofflager und wird damit einer immer kürzer werdenden Nutzungsdauer gerecht“

Doch gerade im rohstoffarmen Deutschland kann sich der Mehraufwand durchaus lohnen, nicht nur in ökologischer auch in ökonomischer Hinsicht. Bauherren, die sich für eine recyclingfähige Bauweise entscheiden, profitieren bei Abbruch, Umbau und Sanierung von niedrigeren Entsorgungskosten. Bei der Verwertung von Metallen zum Beispiel lässt sich mitunter sogar ein Gewinn erzielen. Das Gebäude entwickelt sich von der Wertanlage zum Wertstofflager und wird damit einer immer kürzer werdenden Nutzungsdauer gerecht. Darüber hinaus wirkt sich die Recyclierbarkeit auch positiv auf die Bewertung bei Nachhaltigkeitszertifikaten aus.

Große Vorteile bietet das ressourcenschonende Bauen zudem im Hinblick auf kommende Veränderungen bei den gesetzlichen Anforderungen. Durch die frühzeitige und umfassende Planung des Rückbaus, können Reparaturen leichter durchgeführt und nichttragende Fassaden schneller umgerüstet werden. Im Gegensatz zu billigen Verbundwerkstoffen, die sich oft im Nachhinein als Problemfall entpuppen, macht sich der Einsatz schadstoffarmer Materialien auch bei Mietobjekten positiv bemerkbar.

Sanierung statt Abbruch

Ein bestehendes Bauwerk zu sanieren statt abzubrechen und neuzubauen, ist aus ökologischer und oftmals auch aus ökonomischer Sicht die bessere Alternative. Der Kernsanierung, also der Wiederverwendung des Tragwerks nach Rückbau der Ausbaumaterialien, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn in den tragenden Bauteilen steckt die größte Masse des Bauwerks. Das Tragwerk sollte deshalb möglichst erhalten und weiter genutzt werden. Dies gilt umso mehr für sehr langlebige, aber auch ressourcenintensive und noch nicht kreislauffähige Baustoffe wie Beton.

Standard auf Deutschlands Baustellen: Zum Schutz vor Feuchtigkeit, werden mit Kunststoff modifizierte Bitumenbahnen großflächig auf Dächer, Bodenplatten und Kellerwände aufgebracht und verklebt. Dies hat zur Folge, dass im Falle eines Rückbaus eine Sortentrennung nur mit viel Aufwand und damit hohen Kosten möglich ist.

Ein Beispiel für eine demontable und recyclingfähige Fassade:
Eine Aluminiumkassette mit Clipverbindung auf verschraubter
Aluminium-Unterkonstruktion

Von der Energiewende zur Ressourcenwende

Eine wichtige Rolle spielen auch die gesetzlichen Vorgaben. Im Rahmen der Umsetzung der Klimaschutzziele wurde in den vergangenen Jahren der sinkende Energieverbrauch von Wohn- und Nichtwohngebäuden forciert – umgesetzt vielfach mit Dämmsystemen, die später als gefährlicher Abfall entsorgt werden müssen. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise ist deshalb auch in den gesetzlichen Regularien erforderlich.

„Aus dem Energieausweis muss ein
Ressourcenpass werden!“

Dafür sind Leuchtturmprojekte, die das Thema Recycling und zirkuläre Wertschöpfung offensiv vorantreiben, besonders wichtig. Beispiel hierfür ist die Nachnutzung des Flughafens Berlin-Tegel. Nach Beendigung des Flugbetriebs will der Senat das Areal zu einem Forschungsund Industriepark für urbane Technologien entwickeln. Die Themen Innovation und Zukunftstechnologien gehören zur Zielausrichtung des Projekts, das als Ankermieter für das Herzstück, die Umnutzung des Terminals A, die Beuth-Hochschule für Technik gewinnen konnte.

Auf Basis der vom Projektentwickler Tegel Projekt GmbH erstellten Vorgaben zum Energie- und Wasserkonzept, dem Mobilitätsmanagement und dem Thema Recycling wurde das Projekt bereits als weltweit erstes Gewerbequartier mit dem Vorzertifikat Platin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ausgezeichnet. So soll unter anderem eine Recycling-Aufbereitung der Betonpisten und Flughafenvorfeldflächen noch auf der Baustelle stattfinden (Weiterverwendung und Onsite-Recycling). Dasselbe gilt für Baustoffe, die im Rahmen der Umbaumaßnahmen bei den Bestandsgebäuden zurückgewonnen und für die Neubauten des Areals direkt wiederverwertet werden sollen. Alles, was neu hinzukommt, soll recyclingfähig und leicht demontierbar sein. Die zukünftige Umnutzungsfähigkeit soll durch eine Optimierung der Raumkonfiguration und eine flexible technische Ausrüstung unterstützt werden.

Die Beuth Hochschule in der „Urban Tech Republic“ wäre somit ein konsequent umgesetztes recyclinggerechtes Gebäudekonzept mit Signalwirkung weit über Berlin hinaus.

Leuchtturmprojekt: Auf dem Flughafen Tegel soll mit dem Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien das erste konsequent recyclingorientierte Immobilienprojekt entstehen.

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