05.03.2019

Neue Arbeitswelten

Für agn ist die Generalplanung ein Qualitätsversprechen: Es geht um frühzeitige und kontinuierliche Abstimmungen zwischen Architekten und Fachplanern, um Klärung von Verantwortungsbereichen, planerischen Zeitfenstern und das gemeinsame Abwägen von Handlungsstrategien.

Dazu gehört auch ein immer wieder neu zu definierendes Leistungsangebot, das auf das individuelle Projekt und seine spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ein Beispiel hierfür ist die Sanierung des Gebäudes 10 auf dem Otto Campus in Hamburg. agn Leusmann wurde mit der Umsetzung betraut und wählte einen Weg, der ein in der Tat sehr spezifisches Ergebnis hervorbrachte.

 

Ein Gespräch mit der Hamburger Architektin und agn-Projektleiterin Kerstin Pietzsch und der Münchener Farbpsychologin Susanna Leiser, die gemeinsam die Corporate Identity des Bauherrn in ein ganz besonderes Raumkonzept übersetzt haben.

 

Bauliche Umsetzung der Corporate Identity auf dem Otto-Campus in Hamburg

Kerstin Pietzsch
Dipl.-Ing. Architektin

Susanna Leiser

Farbliches Leitsystem

Frau Pietzsch, drei Fragestellungen gelten gemeinhin als Ausgangsbasis einer klassischen Büro- Revitalisierung: Wie viele Arbeitsplätze müssen berücksichtigt werden, welche Flexibilität und Effizienz weisen die zukünftigen Flächen auf und welche laufenden Kosten werden mit dem neuen Arbeitsumfeld einhergehen? Wie beschreiben Sie Ihre Herangehensweise?

Kerstin Pietzsch: Neben dem Aspekt der Funktionalität, sprich, welche Aufgaben werden von wie vielen Mitarbeitern wie umgesetzt, bietet jede Büroimmobilie immer auch die Gelegenheit, eine auf den Arbeitgeber zugeschnittene, spezifische Raumidentität zu schaffen. Dieser Ansatz unterscheidet sich von gängigen Gestaltungsmustern elementar. In vielen Büros dominieren beliebig anmutende Kombinationen von „Kreativ-Räumen“, „Think Tanks“, Großraumflächen und separierten Räumen für die konzentrierte Einzelarbeit. Die so entstehenden Arbeitsumfelder sind durchaus professionell und werden den Anforderungen der Mitarbeiter auch gerecht. Aber das jeweilige Ergebnis ist austauschbar.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Projekt, in das Sie aktuell involviert sind, die Sanierung des Gebäudes 10 auf dem Otto Campus in Hamburg.

Kerstin Pietzsch: Ja, wir haben es hier mit einem aus dem Jahr 1979 stammenden Bürogebäude zu tun, das auf neun Etagen für jeweils 230 Mitarbeiter eine klassische Großraumbürostruktur aufwies. Im Zuge der erforderlichen brandschutztechnischen Ertüchtigung sollten die gesamte technische Ausstattung und der Innenausbau erneuert werden. Quantitative Vorgaben wie die Anzahl der Arbeitsplätze lagen vor, ebenso die Ergebnisse einer Bedarfsanalyse. Es war somit klar, in welchem Umfang Schreibtischplätze, Besprechungsräume und „social spaces“ geschaffen werden sollten. Mein Vorschlag bestand nun darin, den Umbau der Räumlichkeiten anhand einer raumpsychologischen Gestaltungsstrategie umzusetzen.

Wie darf man sich das vorstellen?

Kerstin Pietzsch: Die Grundlage für diesen Vorschlag lieferte unsere enge Zusammenarbeit mit einer sehr erfahrenen und erfolgreichen Raumpsychologin, die sich auf das Thema „Corporate Identity und Gestaltung von Räumen“ spezialisiert hat: Susanne Leiser aus München. Im Schulterschluss mit ihr konnten wir anbieten, ein Raumkonzept zu schaffen, das die Ziele und das Profil des Auftraggebers durch einen Rasterprozess in Gestaltungsmodule „übersetzen“ sollte, um eine spezifische, nicht übertragbare Raumgliederung mit einem ebenso originären Materialien- und Farbkonzept zu schaffen. Der Vorschlag wurde erfreulicherweise angenommen.

Frau Leiser, worin besteht der Wert einer raumpsychologischen Gestaltungsstrategie?

Susanna Leiser: Jedes Gebäude respektive die Art, wie es gestaltet ist, löst Rückschlüsse aus, wer oder was dahintersteht. Wenn wir das erste Mal bei jemandem zu Hause sind, schließen automatisch wir von dessen Einrichtung auf den Bewohner. Genau der gleiche Prozess setzt ein, wenn wir ein Unternehmen oder ein öffentliches Gebäude betreten. Wirkt die Raumsituation positiv auf uns, findet sofort die Rückkoppelung statt, dass wir dort gut aufgehoben sind. Dies ist ein Aspekt, den man sich zunutze machen kann.

Das bedeutet, die Raumpsychologie gibt uns Instrumente an die Hand, mit denen wir gezielt Einfluss darauf nehmen können, welche Wirkung von Räumen ausgeht?

Auf jeden Fall! Ich will Ihnen ein weiteres Beispiel nennen: Weisen Gestaltungselemente eine Durchgängigkeit auf oder nicht? Die Kontinuität einer Gestaltungslinie wird mit der Verbindlichkeit und Zielorientierung eines Unternehmens gleichgesetzt und löst Vertrauen aus. Das bedeutet: Von der Art und Weise, wie eine Arbeitsumgebung gestaltet ist, schließen wir auf die Kompetenz und den Charakter von Unternehmen und Mitarbeitern. Diese Reaktionen laufen vermeintlich unbewusst ab, sind aber messbar.

Es fließen somit sehr unterschiedliche Aspekte in Ihre Arbeit ein?

Susanna Leiser: Klar, das macht die Projekte ja auch so interessant – keines gleicht dem anderen, die Ergebnisse sind nicht übertragbar. Als Gemeinsamkeit weisen sie jedoch auf, dass es immer auch um die Verbesserung der Arbeitsplatzqualität geht, indem Farbkombinationen gewählt werden, die den natürlichen Stressabbau unterstützen und besonders gut arbeiten lassen. Es gibt einen erwiesenen Zusammenhang zwischen Farbgestaltung einerseits und Ermüdung und Fehlerquoten andererseits. Dieses Wissen fließt in die Konzepte natürlich mit ein.

Kerstin Pietzsch: Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den ich für sehr wichtig halte! Die Möglichkeit, in der Entwicklung der Gestaltungsstrategie gezielt unternehmensspezifische Ziele und Charakteristika aufzugreifen. Dies hilft Unternehmen, sich über ihre Räumlichkeiten zu positionieren und von anderen abzugrenzen. Das Konzept, das für das Gebäude auf dem Otto-Campus entwickelt wurde, zeigt dies ganz deutlich. Entstanden ist eine Gestaltungsstrategie, die individuell und passgenau auf das Unternehmen zugeschnitten wurde und deshalb auch nicht wahllos kopiert oder auf andere Büroräumlichkeiten übertragen werden kann, ein Unikat sozusagen! In Zeiten, in denen der Kampf um die besten Mitarbeiter in vollem Gang ist, ist das eine wertvolle Eigenschaft, die Unternehmen hilft, sich als attraktiver Arbeitgeber gut zu positionieren.

Zwei der neun Etagen wurden zwischenzeitlich auf Basis der von Ihnen entwickelten Gestaltungsstrategie umgesetzt. Wie wird das Ergebnis angenommen?

Susanna Leiser: Ja, zwei Etagen sind bereits fertiggestellt und die Resonanz ist extrem positiv. Es zeigt sich, dass die Konsequenz in der Umsetzung wahr- und angenommen wird und zu einer sehr viel stärkeren Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Arbeitsplatz beiträgt. Ich denke, das bestärkt auch die Auftraggeber. Die Bereitschaft, einen eigenen Weg einzuschlagen, wird belohnt.

Kerstin Pietzsch: Ich sehe das ähnlich, das ganze Vorhaben war von vorneherein von einem starken Kooperations- und Innovationsgeist geprägt, der zum Ziel hatte, das für das Projekt beste Ergebnis zu erreichen. Die Art und Weise, wie sich das Projekt jetzt entwickelt, zeigt mir, dass diese Herangehensweise genau richtig war.


Das Interview führte Lucia Brauburger
(agenturprintundtv)

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